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Dem Abend gesagt

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Dem Abend gesagt" mit Fotoarbeiten von Angela Fechter am Freitag, 27. Juni 2014 um 19 Uhr / Städtische Galerie Traunstein

In den Fotoarbeiten von Angela Fechter, die auf uns den Eindruck von Standbildern aus einem an signifikanter Stelle angehaltenen, fortlaufenden Spielfilm machen, steht die Inszenierung einer Szene im Vordergrund. Fotokünstlerin und Protagonistin sind meist ein und dieselbe Person, die Aufnahmen müssen demnach mit Selbstauslöser entstanden sein; manchmal war es wohl auch ihre kleine, ihr sehr ähnlich sehende Tochter. Die Münchner Künstlerin Angela Fechter, die nach einem Germanistik- und Anglistik-Studium von 1995 bis 2001 die Akademie der bildenden Künste in München besucht hat, wählte für die Traunsteiner Ausstellung drei Werkkomplexe aus: 1. ihre Auseinandersetzung mit Werken der Kunstgeschichte, in deren Zentrum jeweils eine tragische Frauengestalt steht, 2. Einzelbilder aus einer vermeintlich ausgedachten Geschichte rund um ein verlassenes im Wald liegendes Häuschen und 3. gleichsam als ein die beiden ersten Serien verknüpfendes Element: die Inszenierung der Pose einer Frau in unterschiedlichen örtlichen Kontexten. Angela Fechter setzt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit Vorbildern, prägenden Frauenrollen und weiblichen Identitätsmustern auseinander, sie zitiert dabei Bildklischees aus Mythen und Märchen und derer Entsprechung in der Gegenwart, dem populären Spielfilm. Als Künstlerin geht Angela Fechter davon aus, dass es vor allem die suggestive Wirkmacht der Bilder ist, und dazu zählt sie auch sprachliche Bilder, die unsere Vorstellungen vom Leben prägen, unsere Werte und Normen festlegen, unsere Empfindungen und Gefühle beeinflussen und die Identitätssuche der Geschlechter bestimmt. Indem sie sich selbst in den verschiedensten Rollen inszeniert, die Frisuren und Kostümierungen ebenso wie die Posen und Körperhaltungen wechselt und dabei durchaus lustvoll und mit Spaß an Pathos und Theatralik gesellschaftliche Codes, Klischees, traditionelle Muster und Stereotypien der Weiblichkeit, von ängstlich und unterwürfig bis zu verträumt und introvertiert , aktiv durchspielt, befördert die Künstlerin – bei sich selbst und ihren Betrachtern - nicht nur einen Prozess der Bewusstwerdung, sondern auch eine gewisse Befreiung und Emanzipation daraus. Das Schneewitchenmotiv mit den Farben rot, schwarz und weiß, die Kombination und Parallelisierung von Frau und Frucht, Frau und Baum, Frau und Gewässer greift dabei kollektiv verankerte Bildsymbole, Allegorien und Metaphern mit auf, die sich im Spannungsfeld von Reinheit und Verderbtheit, von Vernunft und Emotionalität, von Freiheit und Abhängigkeit verorten lassen. Das starkfarbige, engsitzende Kleid und die Stöckelschuhe auf der einen Seite, das weiße Hängerkleidchen und die bloßen Füße im Schnee auf der anderen: zwischen Vamp und Unschuld, zwischen Hure und Heilige scheint es nicht viel mehr Angebote zu geben. Angela Fechter wechselt dabei in ihrer Kameraeinstellung manchmal aus der dominanten Vogelperspektive in eine von unten nach oben weisende bewundernde Froschperspektive, welche die Szenen für den Rezipienten zusätzlich interpretieren und bewerten.
Der Titel der Ausstellung mit Fotoarbeiten von Angela Fechter lautet „Dem Abend gesagt" und ist einem Gedicht der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann entnommen und passt sehr gut für die doch so unterschiedlichen Werke der beiden Künstlerinnen, die Jede auf ihre Weise den Zusammenhängen, Abgründen, Projektionen und Schönheiten unserer Wirklichkeit nachspüren. Und deshalb möchte ich Ihnen zur Einstimmung auf diese Ausstellung die Zeilen vortragen:

Dem Abend gesagt
Meine Zweifel, bitter und ungestillt,
versickern in den Abendtiefen.
Müdigkeit singt an meinem Ohr.
Ich lausche...
Das war doch gestern schon!
Das kommt und geht doch wieder!

Die Schlafwege kenn ich bis ins süßeste Gefild
Ich will dort nimmer gehen.
Noch weiß ich nicht, wo mir der dunkle See
die Qual vollendet.
Ein Spiegel soll dort liegen,
klar und dicht,
und will uns,
funkelnd vor Schmerz,
die Gründe zeigen.

Judith Bader, Städtische Galerie Traunstein Juni 2014