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Eine Frau, die fehlt

Sich verkleiden. Und dann eine ganz andere Frau sein. Eine Frau sein, die herumgeht und einem ähnlich sieht. Eine Frau, die man hätte sein können. Plötzlich eine Frau sein, die durch einen Film läuft. Aber nur kurz. Die aus dem Bild läuft und dann seitlich des Bildes, wo nicht mehr gedreht wird, stolpert, zu Boden fällt und liegen bleibt. Und dieser Film seitlich des Films ist vielleicht der eigentliche, wirkliche Film. Plötzlich, während man diesen oder einen anderen Film betrachtet, fällt einem ein, daß der Film, als er begann, bereits vorbei war. Schon abgedreht. Vergangenheit.
Dann wieder herumgehen. Attraktiv sein und allen gefallen. Die Richtige sein.
Wie macht man das richtig? Plötzlich geschäftstüchtig sein und auch so aussehen. Plötzlich lange oder kurze Haare haben, eine neue Haarfarbe oder eine Perücke.
Die Fotografien von Angela Fechter erscheinen manchmal wie Filmszenen, die herausgeschnitten wurden. Die nicht zum Einsatz kamen, aus unbekannten Gründen. Und die nun, isoliert, tonlos und stillstehend, etwas vom Betrachter einfordern wollen, die uns etwas bedeuten wollen.
Diese häufig einsam wirkenden Bilder erzählen vom Film hinter dem Film, und daß das Beiläufige das Eigentliche sein kann, daß es das Nichtgesagte ist, was man sagen wollte.
Wieder herumgehen. Jemand sein, dem man ähnlich sieht. Die eigene Mutter, früher. Plötzlich an die eigene Kindheit denken, aber auch an die Kindheit des eigenen Kindes. Daß man reproduzierbar ist. Daß man eine Fotografie ist, von der man einen Abzug machen kann.
In ein altes Haus hineingehen, das schon immer alt war. Das ist beruhigend. Und auch zu wissen, daß vor dem alten Haus ein noch älteres Haus an derselben Stelle stand. Das aber abgerissen wurde. Oder abgebrannt ist. Daß dort, wo etwas ist, früher nichts gewesen sein könnte, das ist das eigentlich Schreckliche. Das Thema.
Wieder herumgehen, an einem Spiegel vorbeikommen und stehenbleiben. Man ist eine Frau mit einem roten Kleid. Man öffnet die Schranktür, denn der Spiegel ist eine Schranktür, und hängt das rote Kleid in den Schrank, der ansonsten leer ist.
Eine Frau sein, die eigentlich keine Aufgabe hat. Herumgehen wie Monica Vitti in den Filmen von Antonioni. Herumgehen, nichts zu tun haben, aber doch eine Spezialaufgabe haben: Frau sein.
Plötzlich alles in sich verbinden, was man früher abwechselnd war. Alle Bruchstücke aufsammeln und zusammensetzen. Die perfekte Frau sein. Klug und schön und fruchtbar.
Sich auf den Boden legen. Verschwinden wollen. Den Abgrund spüren, ein Näherkommen des Schlechten. Verschluckt werden wollen oder ertränkt. Im Abspann vorkommen. Unter den vielen Namen sein, die nach dem Film, wenn er vorbei ist, schnell von unten nach oben laufen. Schneller
als man lesen kann. Aber dann wieder aufstehen.

Johannes Muggenthaler